Fleischgewordene Lautsprecherboxen

A-cappella-Gruppe Maybebop begeisterte beim Benefizkonzert des Willibald-Gymnasiums - Volles Haus

Eichstätt - Falls der eine oder andere Stadtrat(skandidat) sich am Mittwoch im Alten Stadttheater befunden hat, so hat er einen Tipp zur Erhöhung der Touristenströme nach Eichstätt vernommen: Laut Maybebop sollte Eichstätt einfach nur "schokolierte Stachelbeeren" auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen.

 

Derartige Ideen waren neben vielfältigen Weihnachtsliedern zu hören beim Benefizkonzert des Willibald-Gymnasiums.

Das Schöne an Wohltätigkeitsveranstaltungen ist, dass es immer zwei Gewinner gibt: Zum einen ging der Reinerlös des Konzerts, das von WG-Lehrer Thomas Klaschka organisiert wurde und auch mit freundlicher Unterstützung des Eichstätter Lions Clubs zustande kam, an die Weihnachtsaktion des WG (wir berichteten), zum anderen verwöhnten die vier Musiker aus dem Norden Deutschlands die Ohren mit melodiösen Schmankerln.

Dabei wurde schnell klar, dass den Zuhörern in Eichstätt mit Maybebop eine der derzeit besten A-cappella-Bands Deutschlands präsentiert wurde: Wenn die vier alleine im Dezember große Konzerthallen wie etwa in München, Hannover oder im österreichischen Dornbirn bespielen, dann ist klar, dass man sich nicht in der musikalischen Kreisliga befindet.

Und wer geglaubt hat, dass die Stühle im Alten Stadttheater leer bleiben könnten, weil die Combo ja nun schon zum fünften Mal innerhalb von zehn Jahren den Weg an die Altmühl gefunden hat, der wurde eines Besseren belehrt: Bis auf den letzten Platz war der Saal gefüllt, denn es hat sich bestimmt schon herumgesprochen, dass diese Jungs nicht nur eine sehenswerte Bühnenshow mit viel Witz, sondern auch qualitativ hochwertige Gesangskunst bieten.

Die Reinheit und perfekte Überlagerung ihrer Stimmen machten schon beim ersten Lied "Wir sagen euch an" Lust auf mehr. Dabei war es kaum zu glauben, dass sämtliche Sounds nicht mit technischen Hilfsmitteln, sondern nur mit Hilfe der menschlichen Stimme produziert wurden. Hätte man es nicht persönlich erlebt, so hätte man wohl fast hinter der Bühne eine Beatbox vermutet. Aber nein, man sah auf fleischgewordene Lautsprecherboxen.

Inhaltlich präsentierten die Musiker erstmals in Eichstätt ein reines Weihnachtsprogramm, mit dem sie aber nicht nur die an Weihnachten von allen ersehnte, oft etwas verkitschte Heimeligkeitsatmosphäre reproduzierten, sondern auch selbstkritisch mit ihren Texten Salz in so manche Weihnachtswunde streuten. Was man zum Beispiel mit unliebsamen Geschenken macht, erklärte schon der Songtitel: Umtauschen. Mit großer Wortakrobatik ließen die vier dabei ihren Wünschen freien Lauf: "Statt der Schuhe will ich 'ne Truhe, statt der Konsole 'ne Banderole, an der Zypresse kein Interesse", sangen sie. Und weil im Hintergrunde auf vier überdimensionalen Bildschirmen auch noch Bilder von diversen Geschenken liefen, dürfte es sich so mancher im Publikum doch noch überlegt haben, ob die geplante Teekanne für die Schwiegermutter das richtige Geschenk und der geeignete Türöffner für ein harmonisches Weihnachten ist. Aber Maybebop wäre nicht Maybebop, wenn sie nur selbst singen würden: Beim Lied "Josef lieber Josef mein" durften auch die Zuhörer, unterteilt nach Frauenstimmen und Männerstimmen, mitsingen, beim Liederraten waren zwei CDs zu gewinnen.

Aber auch der bekannte, von Maybebop selbst komponierte und vertonte Weihnachtsklassiker "Gummibaum" durfte natürlich nicht fehlen: Bei diesem Song, in dem der Weihnachtsstress der Deutschen kritisch unter die Lupe genommen und in einem hippen deutsch-türkischen Ethnolekt perfekt persifliert ("Alle gucken krass gestresst drein") wird, glaubt man sich nach Istanbul versetzt, so täuschend echt werden die oszillierenden Rufe eines islamischen Muezzin nachgeahmt.

Zum Höhepunkt des Abends zählte mit Sicherheit das schon traditionelle Wunschlied: Die Zuhörer durften Begriffe nennen, aus denen Bandleader Oliver spontan ein Lied intonierte. So kam es auch zum ultimativen Tourismusförderungstipp für Eichstätt: Die Urlauber werden dann in Scharen kommen, wenn man am Weihnachtsmarkt schokoglasierte Stachelbeeren verkauft. Vielleicht sollte es einen Versuch wert sein. Das Publikum applaudierte lautstark ob dieser originellen Texte, die auch den etwas abseits gelegenen und wenig internettauglichen Eichstätter Bahnhof verulkten. Dazwischen gesellten sich immer wieder neu interpretierte klassische Weihnachtslieder. "Wer jetzt noch nicht in Weihnachtsstimmung ist, dem kann ich auch nicht helfen", meinten Maybebop am Ende des Konzertes. Recht hatten sie. EK

Andreas Graf